Die unsichtbaren Produzenten

In den Hallen des «Kunstbetriebes» entstehen zeitgenössische Kunstwerke von internationalem Format. Die Produktionsstätte unterstützt Künstlerinnen und Künstler bei der Umsetzung komplexer Projekte und agiert an der Schnittstelle zwischen handwerklichem Wissen und künstlerischen Strategien. Ein Schwarm von schwarzen Vögeln weckte an der diesjährigen Art Basel die Aufmerksamkeit der Besucherinnen und Besucher. Verteilt über den Bodendes Ausstellungsraumes, waren die kleinen, kaum fünfzehn Zentimeter hohen Figuren Bestandteil von Ugo Rondinones raumgreifender Installation Primitive (2011). Die in Bronze gegossenen Vögel pickten auf dem Boden oder guckten in die Luft; ihr Gefieder erinnerte in seiner reliefartigen Struktur an die Fingerabdrücke des Künstlers und implizierte eine Unmittelbarkeit des künstlerischen Schaffensprozesses. Produziert wurden die neunundfünfzig Objekte jedoch nicht im Atelier des in New York lebenden Künstlers, sondern in grossen Hallen der Kunstbetrieb AG in Münchenstein, eine kurze Tramfahrt vom Basler Messegelände entfernt.

Vögel

Basierend auf einem Tonmodell, das Rondinone selbst formte, entwickelten die spezialisierten Handwerkerinnen und Handwerker des Kunstbetriebes eine Negativform aus Silikon. Im sogenannten Wachsausschmelzverfahren – das aufgrund der damit einhergehenden Zerstörung der wächsernen Vorlage auch als «cire perdue» bezeichnet wird – wurden die Skulpturen schliesslich in Bronze gegossen. Während die plastischen Fingerabdrücke des Künstlers einen integralen Bestandteil der ästhetisch-konzeptionellen Erscheinung der Skulpturen bilden und Assoziationen mit einfachen, aus Knetmasse gefertigten Figuren wecken, entziehen sich die Fingerabdrücke des Kunstbetriebes hingegen den Augen der Betrachterin oder des Betrachters. «Unsere Handschrift soll unsichtbar sein», betont die Kunstwissenschaftlerin und Kuratorin Annina Zimmermann, die das Unternehmen 2006 zusammen mit zwei langjährigen Mitarbeitern der Kunstgiesserei in St.Gallen, Michèle Elsener und Martin Hansen, begründet hat.

Begann der Kunstbetrieb vor sechs Jahren mit einer Produktionshalle und einigen wenigen Mitarbeitenden, werden heute rund zwanzig spezialisierte Fachkräfte beschäftigt – darunter mehrere Kunst- und Stahlgiesser, eine Restauratorin, ein Steinbildhauer, ein Zimmermann, eine Goldschmiedin und ein technischer Modellbauer –, die in mehrstufigen und komplexen Arbeitsprozessen die Realisierung zeitgenössischer Kunstwerke ermöglichen. Auf dem Areal einer ehemaligen Aluminiumfabrik verfügt der Kunstbetrieb heute über zwei grosse Produktionshallen und eine kleinere Lagerhalle mit einer Gesamtfläche von rund 2500 Quadratmeter. Die zwei grossen Hallen werden für die Giessarbeiten, die Produktionen mit Beton oder Metall, die Modellbauschreinerei oder für die auf der Verarbeitung von Wachs oder Kunststoff basierenden Arbeitsschritte genutzt; die erst kürzlich dazugemietete kleinere Halle ermöglicht dank ihrem eingebauten klimakontrollierten Bereich auch die vorübergehende Lagerung von temperaturempfindlichen Kunstwerken. In der Produktion setzt der Kunstbetrieb auf die Zusammenarbeit mit sowohl lokalen als auch internationalen Partnern. Während die Kooperation mit einer Glasbläserei, einem 3-D-Printer oder einem Wasserstrahlschneider in der unmittelbaren Nachbarschaft geschieht, werden beispielsweise grössere Arbeitsschritte auch mal nach China ausgelagert.

Der Kunstschaffende als Auftraggeber und Komplize

Im Kontext des handwerklichen und technischen Produktionsprozesses agiert die Künstlerin oder der Künstler als Auftraggeber. Diese Rolle erstaunt kaum mehr angesichts der veränderten Selbstpositionierung und gesellschaftlichen Wahrnehmung von Kunstschaffenden. Basierte die künstlerische Produktion, beispielsweise bei monumentalen Wandbildaufträgen, seit jeher auch auf dem Delegieren von Hilfsarbeiten, etablierte sich gerade in der Kunst der Postmoderne der vernetzte Kunstschaffende, der ein Studio oder ein Atelier mit hochspezialisierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterhält. Demnach seien, so Annina Zimmermann, auch die Verantwortung oder gar die Zweifel ob der künstlerischen Konsistenz einer Arbeit beim Auftraggeber und nicht beim Auftragnehmer zu verorten. «Ja, der Künstler stiftet uns an!», lacht die Co-Leiterin des Betriebes, während «wir mit ihm eine Art der Komplizenschaft eingehen». Angesichts dieser Arbeitsteilung bestehe auch keine Verwirrung bezüglich der Autorschaft der entstehenden Werke, so werde dem Kunstschaffenden in jedem Schritt der Produktion die absolute Autorität über seine Arbeit zugestanden. Und dennoch bilden der Dialog und die gemeinsame Modifizierung von ursprünglichen Ideen einen ebenso wesentlichen wie interessanten Bestandteil des Arbeitsprozesses.

Die Vielfalt von Material und Medium

Entscheidend ist dabei gerade auch die Tatsache, dass die eigentliche Materialität des Werkes in der zeitgenössischen Kunstproduktion oft nicht mehr am Anfang des Umsetzungsprozesses steht, sondern vielmehr konzeptuelle Ideen und Verortungen die ersten Arbeitsschritte bestimmen. An die Stelle einer eindeutigen Fokussierung auf ein bestimmtes Material, auf ein spezifisches Medium ist das Spiel mit dessen Vielfalt, das Ausloten von verschiedenen Möglichkeiten getreten. Die zunehmende Intellektualisierung der Ausbildung an den Kunsthochschulen ermöglicht gerade jungen Künstlerinnen und Künstlern die zielgerichtete Entwicklung und konsequente Reflexion der eigenen Praxis. Das Material als Grundlage einer künstlerischen Strategie steht dabei nicht mehr zwingend im Fokus. Die Kunstschaffenden bewegen sich frei zwischen den Medien, arbeiten mal mit Video, mal skulptural oder performativ. Die Kooperation mit Spezialistinnen und Spezialisten gewinnt angesichts dieser Tendenzen an entscheidender Bedeutung. Die konkrete Umsetzung entwickelt sich oft erst im Gespräch und im Austausch. Dabei sind die Anfangspunkte der künstlerischen Prozesse sehr unterschiedlich. Die Vorstellungen über die Ausführung einer Arbeit erfahren oftmals im Laufe der Produktion entscheidende, materialdeterminierte Modifizierungen. Gerade die heute sehr präsente Orientierung an hochqualitativem Industriedesign oder an digitalen Technologien muss in der Konfrontation mit konkreten Fragen der Umsetzung nicht selten überdacht werden. Während beispielsweise die junge Berner Künstlerin Karin Lehmann für ihre in Bronze gegossene Arbeit Fair Dinkum (2012) ein selbstgefertigtes Gipsmodell nach Münchenstein brachte und sich erst vor Ort dazu entschied, die Bronze roh und unbehandelt zu belassen, wurden die Modelle für Ugo Rondinones wächserne Aktskulpturen Nudes (x) (2010/11) erst in der Produktionshalle gefertigt. Dabei hat sich der Künstler zuerst lange mit den Möglichkeiten der lebensechten Darstellung und der Tradition der Aktskulptur beschäftigt. Im Zugeder Arbeit mit dem lebenden Modell, das seine Haare bei der Anfertigung der Negativform mit einer Badekappe schützte, bezog er die Kopfbedeckung schliesslich als zentralen visuellen Bestandteil der skulpturalen Umsetzung ein. Der dänisch-vietnamesische Künstler Danh Vo wollte für seine monumentale Skulptur We the People (2011–13), einer fragmentierten Replik der amerikanischen Freiheitsstatue, auf die neuesten technischen Errungenschaften zurückgreifen und die Modelle für die Kupferabgüsse basierend auf computergenerierten Daten digital fräsen lassen. Im Austausch mit dem Kunstbetrieb entschied er sich jedoch für eine konventionellere, auch weniger kostenintensive Möglichkeit: Nun modelliert ein chinesischer Bildhauer die Vorlagen.

Der Kunstbetrieb als Schnittstelle im Kunstfeld 

Die mitunter festgestellte ‹Entfremdung› des Kunstschaffenden vom Material sei ihrer Meinung nach, so betont Annina Zimmermann, keineswegs negativ auszulegen. Zudem ist es letztlich nicht nur die Unvertrautheit mit den Finessen bestimmter Materialien, sondern oft auch die fehlende technische Infrastruktur, die den Kunstschaffenden zu Kooperationen zwingt. Der Kunstbetrieb fungiert in diesem Kontext nicht nur als Produktionsort für Gegenwartskunst, sondern auch als Gefäss des Austausches und der gegenseitigen Inspiration. Während die Künstlerinnen und Künstler vom Wissen der handwerklich ausgebildeten Fachkräfte profitieren können,ergeben sich für diese mit jedem Auftrag neue Möglichkeiten des Lernens und Experimentierens. Angesichts der Einmaligkeit vieler Aufträge gestaltet sich die Prozessoptimierung für die Mitarbeitenden des Kunstbetriebes als eher schwierig, dennoch streben sie langjährige Kooperationen mit den Kunstschaffenden an. Ziel ist es, die Künstlerinnen und Künstler auf ihrem Werdegang zu begleiten und sie bei der Realisierung verschiedenster Projekte zu unterstützen. Dabei funktioniert der Kunstbetrieb auch als Schnittstelle für die unterschiedlichsten Akteure des Kunstfeldes. Hier treffen sich der Kunstgiesser, die Künstlerin und der Galerist. «Mich fasziniert diese Mehrsprachigkeit», hält Annina Zimmermann fest. So seien es gerade diese verschiedenen Blicke auf die Kunst, diese verschiedenen Begriffe für die Kunst, die die Faszination der kollaborativen Arbeit ausmachen würden. Dabei manifestiert sich letztlich auch das vielleicht geheimnisvolle oder sinnstiftende Moment des Kunstwerkes. Trotz der oft unmittelbaren Bindung an spezifische Produktionsschritte und Materialien ist der vollendeten Arbeit immer ein Mehr, ja vielleicht gar eine Aura immanent, die so von keinem der Beteiligten prophezeit werden konnte.

Autor:
Gioia Dal Molin promoviert über die Förderung der bildenden Kunst in der Schweiz und arbeitet als freie Kunstwissenschaftlerin und Kuratorin.

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